Neue Helden braucht das Land oder
"Wie wird der Gitarrist der 90er Jahre aussehen"?
Fachblatt (6/90)

Neue Helden braucht das Land oder "Wie wird der Gitarrist der 90er Jahre aussehen"?
Eine interessante Frage, oder? Wie wird er aussehen, der neue Mega-Abstauber, der nächste Träger des goldenen sechs (oder vielleicht sogar sieben oder acht- oder x-) saitigen Zepters? Vielleicht liegt die Antwort darauf, sofern es dafür eine gibt, nicht in der nahen oder fernen Zukunft, sondern in der Vergangenheit.

Drehen wir deshalb das Zeitrad also mal etwas zurück, so ungefähr 35 bis 40 Jahre. Angekommen in den Fünfzigern, sieht es dort ja mal eher mager aus. Für gewöhnlich wurde auf den »Mainstream«-R'n'-B-Produktionen dem Gitarrensolo ein meist ziemlich quakiges Tenorsaxophonsolo vorgezogen, das meist zwischen dem zweiten Refrain und der dritten Strophe plaziert wurde. Eine Stelle, die sich also schon seit gut 35 Jahren zur prädestinierten Position für Soloeskapaden immer wieder durchsetzt. Wollte man Gitarre hören, mußte man schon mal einen oder mehrere Schritte in die Bluesabteilung machen. Dort einmal angekommen, waren es vor allem B. B. King, Johnny Guitar, Chuck Berry, Watson und Elmore James die wegweisend waren. Ein Griff am Zeitrad genügt, und schon sind wir in den Sechzigern. Dort macht sich zum ersten Male der europäische Kontinent bzw. England bemerkbar. War einem an überproduzierter mit Streichern weichgespülter R & B-Musik ordentlich der Geschmack vergangen, setzt nun zum ersten Male der Recylingprozeß in der Popularmusik ein. Alte Blues- und R'n'-B-Titel werden von meist weißen jungen, gut aussehenden Herren gecovert und an junge, gutaussehende, meist weiße Teens und Twens als das »goldene Lamm« der Musikrevolution verkauft. Allerdings mit dem positiven Nebeneffekt, daß der Stellenwert der Gitarre als Hauptinstrument in der Pop- und Rockmusik immer deutlicher wird. Ein weiterer Effekt, der auftritt, ist die Tatsache, daß die ständige Wiederholung von erfolgreichen Grooves und Arrangements offensichtlich nicht die Langeweilezone des Plattenkäufergehirns anregt, sondern eher die Kauflust steigert und sich somit für Dutzende, eigentlich stark identisch klingender Bands, ein großer Markt auftut. Ein Prinzip, was noch heute Gültigkeit hat.
Zum Glück bahnt sich Ende der sechziger Jahre die Rettung an, verursacht durch die Monotonie der frühen Sechziger bricht aus der Subkultur eine Welle neuer Musik aus, die die damalige Musikszene und die mit ihr verbundenen Formen und Normen völlig auf den Kopf stellt. Bands wie The Cream, The Yardbirds und Jimi Hendrix Experience lassen Rockkonzerte zum Happening werden, mitsamt ellenlanger Improvisationen und bewußtseinserweiterter Ekstase, sowohl auf der Bühne als auch im Publikum. Und mit ihr wird sie geboren, die Figur, die zwar manchmal in ferner Zukunft ab und zu von der Bildflache verschwunden sein, aber trotzdem nicht mehr von der Szene und aus den Managerhirnen wegzudenken sein wird: der Guitarhero. Der Gitarrenheld, zuweilen auch Gitarrengott genannt. Eines seiner Kennzeichen: Rebellion auf dem Gebiet des sechssaitigen Klangholzes, gegen bestehende Soundkonventionen, die sich bis hin zur wirklichen Innovation steigern kann. Und wenn es einen wirklichen Gitarrenhelden der Siebziger gibt, dann war es mit Sicherheit Jimi Hendrix. Keiner hat die Gitarrenwelt jemals wieder so aufgewühlt wie er. Er war anders als alles zuvor Dagewesene, sei es die pure musikalische Ausdruckskraft seiner Musik oder die Art und Weise, wie er auftrat und sein Leben lebte. An diese Größe kamen selbst Namen wie Eric Clapton, Jeff Beck oder Jimmy Page nicht heran und das, obwohl diese Gitarristen selbst Meilensteine in der Entwicklung der Rockgitarre waren. Hendrix' Werk und sein mysteriöser früher Tod machten ihn zur Legende und machten ihn zur ersten Kultfigur der Rockgitarristen.
Die Anfang der siebziger Jahre aufkommende Discowelle ließ der Gitarre während dieser Zeit zumindest in der Pop- und Rockmusik eigentlich keine Chance zur Weiterentwicklung. Synthesizer und als Soloinstrument wieder einmal das Saxophon waren en vogue. Musikalisch bildete sich erstmals wieder ein ähnliches Kreativitätsvakuum wie in den frühen und mittleren Sechzigern. (Wenn man mal von den damals wie heute noch herausragenden Beatles absieht.) Warf man einen Blick in die Jazz- bzw. in die damals aufkommende Fusionabteilung, sah es dort zum Glück etwas besser aus. Hier waren vor allem John McLaughlin, Al diMeola und Jeff Beck, die das unter der Discowelle fast verschüttete Zepter der Gitarrenweit hochhielten, dies allerdings nur für eine relativ begrenzte Zuhörerschaft, denn Jazz traf zur damaligen Zeit zumindest in Europa noch nicht auf die Akzeptanz beim Publikum wie in diesen Tagen. Mit der von den o. g. Gitarristen vorgelegten Virtuosität auf ihren Instrumenten, konnte die breite Masse noch nichts anfangen, und im U-Musiklager war sie gar verpöhnt. So sah die Lage in den Jahren 76/77 eher trostlos aus, selbst die härtesten Discodauertanzer wurden langsam müde und der Gitarre wurde innerhalb der Popularmusik schon der letzte Segen erteilt, was in großen Zügen der Situation im selben Zeitabschnitt des letzten Jahrzehnts gleichkam.
Doch dann erschien ein Name auf der Musikszene, der die Gitarrenwelt erbeben ließ, und eine Welle der Begeisterung auslöste, die nur noch mit Jimi Hendrix zu vergleichen war: Eddie Von Halen, damals gerade 20 Jahre alt. Das gleichnamige Debutalbum seiner Band Von Halen hatte mehr Einfluß und Wirkung auf die Rockgitarre als alle Veröffentlichungen nach Hendrix' ARE YOU EXPERIENCED? Van Halens Musik war die perfekte Fusion von allem, was das Herz begehrte: virtuose Gitarrensoli, die quasi eine Highspeed-Weiterentwicklung Halens Vorbilder Clapton und Chuck Berry waren, kommerzielle Songs, hervorragende Chorgesänge, alles gekleidet in einen sehr naturbelassenen Hardrocksound und dazu noch dargeboten von vier gutaussehenden Bandmitgliedern. Alles zusammen der Prototyp für die Rockband der Achtziger. Gitarrist Edward Van Halen hatte mehr Effekt auf die Entwicklung der Rockmusik und die Rockgitarre als man zuerst annehmen wollte. Was einem dazu natürlich zuerst einfällt, ist die von ihm popularisierte Two-hand-tapping-Technik sowie sein radikaler Einsatz des Vibratohebels. Für Abertausende junger Rockgitarristen ist er Idol und Vorbild gewesen, und somit eigentlich direkt für den Boom an Gitarrengöttern in den späten achtziger Jahren mitverantwortlich. Abgesehen davon, hat er unabstreitbar die E-Gitarre als Hauptinstrument des Rock'n'Roll etabliert und sie durch sein Gastspiel auf Michael Jacksons Megaseller BEAT IT sogar im Pop- und Discometier salonfähig gemacht, denn auf wie vielen flachen Discoproduktionen hört man heutzutage wilde Gitarrensoli, eine Sache, die vor Jacksons Hitsingle undenkbar gewesen wäre. Aber nicht nur auf musikalischem Gebiet war Van Halen Trendsetter. Was heute schon bei E-Gitarren als selbstverständlich gilt, mindestens ein Humbucker und Lockingtremolo, auf einem graphisch interessant gestaltetem Stratkorpus und einem nicht oder nur mattlockierten Hals, laßt sich in direkter Linie auf Eddies Selbstbaugitarren der ersten Van-Halen-LPs zurückführen. Bandmaßig betrachtet, stellt Van Halen immer noch den Marketingprototypen der Hardrockband der Achtziger und neunziger Jahre dar. Die geglückte Kombination aus den beiden Welten Pop und Hardrock sowie die Verbindung von humorvollem Sunnyboy- und Hardrock-Langhaarimage etablierten den Hardrock als ständiger Bestandteil der Musikszene und ebneten Commercial-Hordrockbands wie Bon Jovi den Weg zu den Big bucks und den amerikanischen und weltweiten Charts.
Ungefähr fünf Jahre hielt »The mighty Van Halen« das Zepter unangefochten in der Hand, bis im Jahre 1983 man zum ersten Male den Namen Yngwie Malmsteen hörte. Entdeckt und von Mike Varney und in die Staaten importiert, startete mit ihm die »Neoclassical-Metal«-Welle, die nun Gitarrenhelden am laufenden Band produzierte. Hatte der früh verstorbene Ozzy Ozborne-Gitarrist Randy Rhoads bereits schon klassische Elemente geschmackvoll mit Heavy Metal-Sound verbunden, schlugen sich nun Gitarristen wie Vinnie Moore, Malmsteen, Tony MacAlpine, Paul Gilbert, Joey Tafolla, Greg Howe sowie Jason Becker und Marty Friedman die Paganinicapricen und die Sweepingarpeggios um die Ohren. Musikalischer Inhalt und Ausdruck wurden immer nebensächlicher und die wirklich beeindruckende Technik der o. g. Helden verkam immer mehr zum Selbstzweck. Doch die nächsten Anwarter auf den Thron standen schon bereit: 1986 stand ganz im Zeichen des Solodebuts von David Lee Roth und dessen Gitarristen Steve Vai, der zwar schon mit Frank Zappa und Alcatrazz in Erscheinung getreten war, aber bislang den großen Sprung noch nicht geschafft hatte. Vai und sein früherer Gitarrenlehrer Joe Satriani, der 1988 mit seinem Instrumentalalbum SURFING WITH THE ALIEN sogar den Einstieg in die amerikanischen Top 40 schaffte, waren eindeutig diejenigen, die sich sowohl bei der Gunst des Publikums als auch geschäftlich seit 1987 ein hartes Kopf-an-Kopf-Rennen bieten.
Heuer, im Jahre 1990, fragt man sich also, wohin der Weg gehen wird. Was oder wer wird als nächstes kommen? Wird es eine Fortsetzung in Richtung Steve Vai/Joe Satriani geben mit einer weiteren Fusion von perfektionierter Technik und fundiertem musikalischen Wissen oder wird der nächste Giutar hero eher auf der »Back-to-the-roots-weg-vom High-tech-Gitarrenspiel«-Linie liegen, die ja durch Bands wie Guns'n'Roses immer populärer wird?
Ein interessanter Gesichtspunkt ist deshalb auch der enorm gestiegene Prestigewert des Musikmachens. Um heutzutage hip zu sein, macht man ja entweder Musik oder Sport oder am besten gleich beides. Zumindest wird einem dies von den Medien und der Werbung so vorgegaukelt. Dadurch haben natürlich auch großangelegte Musikschulen Aufwind, die mit Slogans wie »Da you want to be professional?« oder »Law of the jungle - survival of thew fittest!« werben. Ein Faktum ist mit Sicherheit, daß diese Schulen mit dazu beigetragen haben, die handwerklichen Fahigkeiten und das musikalische Grundwissen zu verbessern. Aber wird durch besser ausgebildete Musiker, oder sollte ich besser sagen Instrumentalisten, auch letztlich die Qualität der Musik besser? Oder wird nur eine Generation überzüchteter Fachidioten und Griffbrettakrobaten ohne Gefühl für die Sache herangezogen? Lassen wir es dabei ...



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