Survival Guitar
Folge 10
"All that jazz - how to user a Real Book"
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Workshopserie des Soundcheck-Magazins-

Aus aktuellem Anlaß gibt es heute einen kleinen Exkurs in den Jazz.

Wenn es eine Bibel für Jazzmusikanten gibt, ist dies sicherlich das Real Book und die darin enthaltenen Kompositionen. Jeder der sich intensiver mit Jazz beschäftigt oder sich beschäftigen will braucht dieses Buch. Das Real Book ist eine Ansammlung von als (Jazz-) Standards geltenden Kompositionen in Lead Sheet Form ohne Text. Es ist die Grundlage für einen Großteil aller Jazzsessions und oft genug werden auch in Jazzkonzerten Real Book Songs zum Besten gegeben.
Das Real Book existiert in verschiedenen Versionen: Für C-Instrumente (wie Gitarre und Piano), Bb - und Eb-Instrumente (Saxophon) oder auch in einer Vokalversion inkl. der Texte für Sänger. Neben dem Real Book gibt es noch weitere Ausgaben wie das Fake Book, The New Real Book 1 und 2,und in letzter Zeit auch für andere Stilistiken wie Blues, Country oder Pop. Die meisten dieser Songsammlungen haben eins gemeinsam: Sie befinden sich in einer Grauzone zwischen Legalität und Illegealität, da von ihren Herausgebern für gewöhnlich keine Tantiemen an die Musikverlage für den Abdruck in einem Buch gezahlt werden bzw. wurden. Dies ist übrigens auch der Grund, warum das Real Book lange nur schwer erhältlich bzw. unter der Ladentheke angeboten wurde.

Normalerweise werden die Songs des Real Books oder anderer (Jazz-) Standardsammlungen folgendermaßen gespielt:
Die meisten Kompositionen sind einteilig (Blues) oder haben die Form A-A-B-A und werden dann wiederholt. Diese Wiederholungen werden Chorus genannt.
Ein typischer Ablauf könnte so aussehen: Zuerst wird die Melodie (auch "head" genannt) gespielt. Handelt es sich um ein kurzes Thema, wird sie auch schon mal wiederholt.
Danach kommen die Soli der verschiedenen Instrumentalisten, die normalerweise keine vorgeschriebene, abgesprochene Länge haben. Jeder Solist spielt soviele Choruse wie er will oder wie ihm vom Bandleader signalisiert werden.
Danach wird häufig getauscht. Nein, natürlich nicht die Instrumente (obwohl das manchmal vielleicht auch nicht schlecht wäre). Es wird "getradet" (von engl. trading).
Damit ist die abwechselnde Improvisation der Melodieinstrumente und des Schlagzeugs gemeint. Meist sind es 4 oder 8 Takte und wird dementsprechend «trading fours« oder "trading eights" genannt. Dabei wird aus rein organisatorischen Gründen die Reihenfolge der Solisten wiederholt. Im Klartext: Nachdem der Bandleader oder der erste Solist ein Zeichen gegeben hat (z.B. vier in die Höhe gehaltene Finger) spielt der erste Solist vier Takte lang Solo. Darauf folgen vier Takte Drumsolo (die Form wird im Kopf weitergespielt.). Danach vier Takte Solo des zweiten Solisten. Wieder vier Takte Drumsolo .... usw. bis der Bandleader ein Zeichen gibt. Dies sieht für gewöhnlich so aus, daß dieser auf seinen Kopf zeigt oder diesen antippt (zurück zum "head" der Melodie). Nach den Soli folgt dann nochmal ein Durchgang der Melodie bevor es zum Ende geht, das entweder abgesprochen ist oder wieder durch ein Zeichen eingeläutet wird.

Hier ist solch ein Ablauf schematisiert:

1. Thema (1-2x)

2. Solo 1 (beliebige Länge)

3. Solo 2 (beliebige Länge)

4. Solist 1: 4 bzw 8 Takte Solo - 4 bzw 8 Takte Drumsolo

5. Solist 2: 4 bzw 8 Takte Solo - 4 bzw 8 Takte Drumsolo

6. Solist 1: 4 bzw 8 Takte Solo - 4 bzw 8 Takte Drumsolo

7. Solist 2: 4 bzw 8 Takte Solo - 4 bzw 8 Takte Drumsolo

8. Nach Zeichen: Thema - Ende

Da die meisten Jazzkompositionen als Instrumentals vorgetragen werden (obwohl viele Standards eigentlich Gesangstitel sind), an dieser Stelle noch einige Bemerkungen. Abgesehen von ein paar Charlie Parker- Nummern und wenigen anderen Ausnahmen, sind die Melodien der meisten Standards sehr einfach gehalten und leicht zu spielen. Da sie im Real Book oder den anderen Songsammlungen natürlich nicht in Tabulaturschreibweise notiert sind, sind sie eine prima zu bewältigende Blattspielübung. Solltest du ernste Jazzabsichten verfolgen, würde ich sagen, lernst du die Melodien der bekanntesten Standards am besten auswendig. Es gibt für mich nicht viel fürchterlicheres als eine Horde Jazzer, die mit angestrengtem Blick auf ihr Real Book versuchen, Musik zu machen und damit Leute zu unterhalten (nebenbei gesagt dem ursprünglichen Zweck dieser Musik).
Spiele die Melodien über den Hals-Pick Up mit mittlerem bis weichem Anschlag und einem soften, unaufdringlichen Vibrato. Lerne jedes Thema in mindestens zwei Oktavlagen. Um die Melodien trotz ihrer Einfachheit nicht platt, sondern interessant zu gestalten, solltest du dich einiger einfacher Phrasierungsmittel bedienen, die gut und authentisch klingen wie zum Beispiel dem Hereinrutschen in die Melodietöne, dem chromatischen Umspielen der gleichen oder dem Spielen der Melodie in Oktaven, einer von Wes Montogomery perfektionierten Spieltechnik.
Solomäßig gesehen ist es äußerst unklug, all sein Pulver direkt im ersten Chorus zu verballern. Beginne zuerst mit kurzen, eher themenhaften Melodien á la Jim Hall oder Pat Metheny, die zunächst noch viele Lücken lassen. Im weiteren Verlauf deines Solos kannst du diese Lücken dann schließen und beginnen, längere Lines zu spielen. Als weitere Steigerung könntest du danach die Rhythmik verdichten (z.B. von Achtel auf Sechzehntel umsteigen) und/oder deine Lines, harmonisch gesehen, spannungsreicher machen (z.B. durch mehr Alterationen). Ach ja, eine Prise Blues tut eigentlich auch immer ganz gut, besonders was den Aufbau (A-A-B-Form) und die Phrasierung angeht.

Um diese Songs aus dem Real Book solltest du dich auf jeden Fall mal gekümmert haben:

All blues - All the things you are - As time goes by - Au privave - Autumn leaves - Black Orpheus - Blue Bossa - Blues for Alice - Days of wine and roses - Footprints - 500 miles high - Giant steps - Girl from Ipanema - How high the moon - I got rhythm - Misty - My funny Valentine - Night and day - «Round midnght - So what - Spain - Stella by starlight - Take 5 - Take the A-Train - Tune up
So, das war«s mal wieder für diesen Monat. In diesem Sinne...... Euer ergebenster Diener DonPedro.
Weitere Themenwünsche an kontakt@donpedrofischer.de.

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