Survival Guitar
Folge 5
"Die Rückkehr des ekelig grünen Show-Hemds"
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Workshopserie des Soundcheck-Magazins-

Hallo liebe MitspielerInnen!

War das Unterrichten für den ambitionierten Profimusiker vielleicht noch eine verhältnismäßig leicht zu schluckende Pille, bekommen die allermeisten Gitarristen schon beim Hören des nächsten Begriffes fette, eiterige Pickel: Unterhaltungsmusik, landläufig auch Tanzmusik genannt.
Besonders für die "ernsthaften" Rockmusiker steht dieser Begriff für den Ausverkauf der Musikerloyalität. Da werden lieber Arzneimittel oder Taxigäste durch die Gegend gekarrt, als daß man sich eine lächerliche Garderobe überstreift und schmissig zum Tanz aufspielt. Dabei sind doch selbst Stilistiken wie der gute alte Jazz - als Inbegriff der "ernsthaften", modernen Musik unseres Jahrhunderts - ursprünglich dazu gedacht gewesen, die Leute auf die Tanzfläche und dort in Bewegung zu bekommen.

Es gibt viele unterschiedliche Ebenen - in künstlerischer wie in finanzieller Hinsicht gesehen - auf denen man Unterhaltungs- bzw. Tanzmusik machen kann. Dies fängt beim keyboardspielenden Alleinunterhalter auf Tante Hetties 65. Geburtstag an und hört bei großen, internationalen Galas, die oft ein Millionenbudget haben, auf.
Doch schon auf den untersten Ebenen wie Familienfeiern etc. fällt eins besonders positiv auf: Es werden ohne mit der Wimper zu zucken Gagen an die Musiker gezahlt, für die man in der Rockmusik mit eigenem Repertoire schon einige Sprossen der Karriereleiter hochgekrabbelt und schon sehr etabliert sein muß. Vor dem Hintergrund des puren Überlebens als Musiker, Grund genug diesen Bereich mal etwas näher zu beleuchten. Ich spreche da glücklicherweise mal wieder aus eigener Erfahrung, denn von Tante Hetties 65. Geburtstag über Junggesellenschützenfeste und Oldie-Coverband bis zur Mega-Gala im Regierungsviertel, habe ich schon auf vielen interessanten Veranstaltungen tanzwütiger Menschen gespielt.

Beginnen wir mal bei den ganz gemeinen Tanzmuggen wie Familienfeste, Karnevalsveranstaltungen oder Tanzveranstaltungen wie Feuerwehr- oder Schützenfest. Da sich die Gitarre nur bedingt als Instrument für Alleinunterhalter eignet, spielt man meist in kleinen Besetzungen wie einem Trio (Keyboards, Drums und Gitarre), manchmal - bei etwas größeren Veranstaltungen - als Quartett mit zusätzlichem Bass.
Normal ist, daß in solchen Bands nur extrem wenig geprobt wird (wenn überhaupt). Das bedeutet, daß man sich entweder eine Mappe mit Lead Sheets o.ä. mit dem Standardrepertoire anlegt, aus der man dann spielt oder daß man die Titel einfach "nach Gehör" mitspielt. Ich persönlich habe vielleicht 5% dieser "Hardcore"-Tanzmuggen vom Zettel gespielt, die restlichen immer nach Gehör. Dies hört sich jetzt vielleicht sehr schwierig an, ist es aber eigentlich nicht. Viele Keyboarder, die ja in kleinen Besetzungen auch meist die Leadstimme singen, sind auf 3 - 4 Tonarten festgelegt (C-, F- G- und vielleicht mal D-Dur) und gut 85 % des Repertoires besteht sowieso nur aus 3 - 4 Akkorden. Dafür Ordner und Notenständer mitzuschleppen und dann beim Spielen auf den Zettel zu starren, anstatt lächelnderweise den gut gelaunten Unterhaltungsmusiker zu mimen, lohnt doch nun wirklich nicht, oder? Außerdem kultiviert man ohne doppelten Boden auch noch obendrein einige Fähigkeiten wie das Gespür für Akkordverbindungen, das spontane Transponieren in andere Tonarten - wenn die Stimme des Sängers mal wieder angeschlagen ist - oder Lügen (wenn man den Faden wirklich mal verloren hat und es keiner merken soll). Ehrlich gesagt weiß ich nicht wie oft ich mit abgedrehter Gitarre einfach nur ins Publikum gegrinst und auf gute Laune gemacht habe, weil der Keyboarder grade mal wieder zur falschen Zeit auf den falschen Akkord gewechselt hatte und man nur durch Enthaltung den Song retten konnte. Aber hey – that´s reality!
Neben diesen Fähigkeiten wird eigentlich auch immer vorausgesetzt, daß man mal eine zweite oder dritte Stimme zumindest einigermaßen erträglich beisteuern kann. Wobei man dabei den wirklichen Ursprung des Esperanto entdeckt! (Soviel zum Thema Texte lernen).

Aber was braucht man denn auf jeden Fall für eine Grundausrüstung?
- eine Gitarre ohne oder mit festgesetztem Tremolo (weil es bis zur Pause keine Möglichkeit geben wird, bei gerissener Saite das Instrument zu wechseln oder eine neue aufzuziehen)
- einen Kofferamp mit einem guten Cleansound
- ein Volumen Pedal, damit man bei Bedarf sofort die Lautstärke anpassen kann
- Stimmgerät, Ersatzsaiten, Sicherungen etc (siehe Folge 1 dieser Kolumne)
- ein WhaWha und einen Verzerrer (falls die Stimmung so richtig hochkocht und gerockt wird).
- Mikrophon, Ständer, Kabel
- eine große Portion Humor und Gelassenheit - alkoholisierte Menschen können schon mal SEHR merkwürdig werden.
- eine der Situation und dem Anlaß angepaßte Garderobe (z.B. eklig grüne Show-Hemden) und vor allem bequeme Schuhe, denn die meisten Veranstaltungen strecken sich doch über einige Stunden hin.

Und was bringt einem so ein Abend (neben essentiellen Einblicken über menschliche Verhaltensweisen)?
In diesem Bereich beginnen die Gagen pro Nase bei ca 50,- DM die Stunde, bei freien Getränken und Essen. Bei einer durchschnittlichen Mugge von 20 - 2 Uhr macht dies also mindestens 300,- DM, sehr oft an der Steuer vorbei, OBWOHL DIES NATÜRLICH ABSOLUT VERBOTEN IST !!!! Veranstaltungen während der Karnevalszeit und an Silvester sind eigentlich immer erkennbar besser bezahlt (doppelte Gage).
Von 20 - 2 Uhr bedeutet übrigens nicht fünf Stunden nonstop Spielen. Normalerweise werden Sets á fünf Songs gespielt (ca. 20 Min.) und dann eine kurze Pause (ca. 10 Min.)
Will man solche Festgagen als Rockband mit eigenem Material, muß man sich schon ganz schön etabliert haben, obwohl nebenbei bemerkt auch die Gagen im Unterhaltungsmusikbereich in den letzten Jahren stagnieren. Alles wird teurer, aber die Musik darf (fast) nix kosten!
Zum Abschluß noch eine Liste von Songs, die zum Standardrepertoire vieler Tanzmusikbands gehören. Es ist ein bunter Strauß beliebter Melodien, der auch durchaus als Grundlage für ein abendfüllendes Programm in den o.g. Festsituationen dienen könnte:
Trompetenecho - Marina - Kufsteinlied - Schneewalzer - Wochend und Sonnenschein - Rote Lippen - Die kleine Kneipe - Der wilde, wilde Westen - Amor, Amor, Amor - Sieben Fässer Wein - In München steht ein Hofbräuhaus - Kreuzberger Nächte - Es gibt kein Bier auf Hawaii - Schöne Maid - Ein Bett im Kornfeld - Aber Dich gibt es nur einmal für mich - An der Nordseeküste - Polonaise Blankenese - Tanze Samba mit mir - Marmor, Stein und Eisen bricht - Quando, Quando - La Bamba - Blue Bayou - Live is life - Anneliese - Rosamunde - La Paloma - Bruttosozialprodukt - Skandal im Sperrbezirk - Brasil - Schmitdchen Schleicher - Country Roads - Ob la di, Ob la da - Green, green grass of home - Let«s twist again - Hands up - Hello Mary Lou - Angelina - Amarillo - Frankreich, Frankreich .....

Im nächsten Monat dreht es sich dann um Cover-Bands verschiedener Couleur. Bis dahin, STAY TUNED und seid nett zu euren Müttern!!

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